ZEITRISS - Geschichte über einen Park
Eine Text-Bild-Installation von Birgit Szepanski"Die Zeit bekam einen Riss“ steht irgendwo geschrieben. Irgendwo in Birgit Szepanskis Installation ZEITRISS, die in der Galerie im Körnerpark auf gerade diesen Park sich bezieht, von ihm ausgeht und in ihn inhaltlich und formal wieder zurück fließt, aber an einem anderen Ort trotzdem ihren ganzen Sinn auffächern könnte.
Gerade hierin liegt die Stärke der Arbeiten der Berliner Text-und Bildkünstlerin: immer von einem sehr konkreten Kontext auszugehen, aber dann in sich einen kohärenten Sinnzusammenhang zu erarbeiten, sodass die Selbstreferenz hier dann nicht Aus-und Abgrenzung wird, sondern stimmiges Gefüge einer neuen, parallelen Welt, die uns über die andere, „die da draußen“, ausreichend Aufschluss gibt, um uns lebendig eingebunden fühlen zu können in die fiktionale und in die „reale“ Realität.
Szepanski transponiert in den Ausstellungsraum ihr Gesamtraumgefühl für die Wahrnehmung der Welt draußen. Nichts ist dem Zufall überlassen, aber nichts gibt sich den Anschein des absoluten Willensaktes. Organisch gelistet könnte man die Hierarchie nennen, die sich zwischen den Teilstücken in immer neuer Konstellation austariert. Mit sinnlicher Kraft versteht Szepanski es, den Betrachter, der immer auch Leser sein muss, hinein zu bitten in eine Welt der Untertitel, die uns Verständnishilfen bieten für die andere Welt, die in und um jeden von uns.
Gerissene Zeit bedeutet nicht Zeit, die stehen geblieben ist. Sie bedeutet das Fehlen des Übergangs, der Kontinuität; das An- und Eingebundensein der Wahrnehmung in den Fluss
der Zeit. Also fordert ein Zeitriss Präsenz, um den Anschluss zu finden. Hierzu entwickelt die Künstlerin ein Ensemble aus schwarz-weißen Fotografien, Textelementen, Dia-Projektionen, Tonspuren und skulpturalen Installationen, die in freier Assoziation Bausteine einer definierten, aber nicht definitiven Geschichte werden. Denn der Betrachter wird anhand des Gebotenen immer seine eigene Version erarbeiten können, sie sogar erarbeiten müssen. So viel Vorgabe wie nötig, so wenig Künstler wie möglich...
An einer langen Wand reihen sich zunächst ein Lesepult, dann sechs Gruppen aus je vier weißen Rahmen und am Ende noch ein quer gerahmtes Bildpaar. Auf dem Pult liegt ein aus satten Fotokopien gehefteter Band, der den kompletten Text und die durchgängig schwarz-weißen Fotos genauso chronologisch abfasst, wie sie als Wandinstallation in den Rahmen gezeigt werden. Dort wechseln sich Schrift und Bild ab, alternierend mit Leerstellen, blanke Seiten eingefasst von Rahmen, sodass diesen dieselbe Bedeutung zukommt wie der Stille in der Musik. Auf der gegenüberliegenden Seite öffnen sich die tiefen Fenster auf den Park, korrespondieren mit den Arrangements an der Wand, spiegeln sie. Die Bilder funktionieren nicht als Illustration des Textes, sondern als eine Art Textbaustein, als Kontinuität des Geschriebenen, wie auch umgekehrt der Text immer ein Transkript des Visuellen ist. Aber nicht nur. Denn obwohl bildhaft, ist die Welt nach Szepanski im Grunde ein Konglomerat untrennbarer sensorieller Wahrnehmungskomponenten. Das Hören, Tasten und Riechen sind von gleicher Bedeutung und Kraft wie das Schauen und die imaginäre Abstraktion des Wortes.
Innerhalb des Textes, der sich in Kapitel aufteilt, entwickeln vier Erzählstimmen den Lauf der Geschichte. Neben zwei Menschen, Herr W. Und Frau S., liefern ein Erzähler, aber auch der Park selbst Fragmente zum Verständnis. Teile des Berichteten überschneiden sich in stilistischer Referenz an den Stream of consciousness.
Auf einer als integratives Element der Installation zu verstehenden Fotokopie, die der Besucher als Spur der Ausstellung mitnehmen kann, notiert Szepanski in weißen Lettern auf schwarzem Grund den Aufriss des Ausstellungsraumes. Es sind kurze Textfetzen, die suggestiv genug sind, um während des Besuches und danach ihre jeweilige Wirkung als Einführung und als Erinnerungshilfe zu entfalten. Zum Inhalt schreibt die Künstlerin:
„Herr W. ist der Protagonist, der den Park in seiner unheimlichen Veränderung wahrnimmt. Seine Geschichte vermischt sich mit den Ereignissen im Park. S., die Nachbarin, sammelt und archiviert die unterschiedlichen Notizen Herrn W.s nach seinem Verschwinden. Der Park ist der Ort, an dem ein Riss in der Zeit beginnt – und damit seine Geschichte.“
Es ist eine Geschichte, die jenseits dessen, was gesagt wird, viel mehr sagt als in dem, was sie sagt. Es ist die Geschichte von Herkunft und Hingang, von der „Andersortigkeit“ und gleichzeitig der still schreienden Präsenz alles Existierenden, jenseits und innerhalb einer jeden Geschichte, einer jeden Biografie. Memory, mémoire, Erinnerung. Machen, dass jemand einer Sache inne wird, so will es die Etymologie. Nichts geht verloren, alles ist aufbewahrt, enthalten. Be-halten, eigentlich...
Die Erinnerung eines Mitteleuropa, vanished. Kafka und Sebald spuken umher, selbst als verschwundene Pr舖enzen. Und doch erlaubt es ZEITRISS nicht, lange abzudriften in eige, Ersonnenem und Erlebbarem fdern und fordern.
Auf der Stirnwand, die eine Trennwand ist und die, obwohl massiv, auf Rädern steht, erwächst eine Gesamtcollage aus nahtlos aneinandergereihten A3-schwarz-weiß-Kopien. Eine Ansicht aus dem Park, erkennbar am charakteristischen Balustradenlauf, zeichnet sich in der Vergrößerung der Kopien durch körniges Licht ab. In der Perspektive reihen sich drei Mülleimer - Papierkörbe für verworfene Ideen, oder umgestülpte Lampenschirme aus Nierentisch-Zeiten. Es sind Lichtquellen im Dunkel der domptierten Natur. Sprachfetzen, Satzfragmente, Gedankenabrisse durchbrechen dezent als horizontale weiße Linien die dunkle Wand... wie in einer Säure gelöste Partikel des Geschichtstextes...
Auf der Rückseite des Trennmoduls, das einem separaten Raum eine ganz eigene Vibration ermöglicht, zieht sich ein Riss wie ein Kratzer durch die Milchstraße. Der projizierte Riss ist derjenige Teil des Dias, der das Licht durchlässt. Ein vegetabiles Gewebe, dessen Fasern kleine Brücken bilden, über die Lichtspalte hinweg. Bei näherem Betrachten wird sichtbar, dass ein Teppich blasser Lichtsprenkler die dunkle Fläche überzieht. Selbst das Geräusch des Projektors, sonst oft lästig, unterstreicht hier die Mühseligkeit des Energieaufwandes, um Erinnerung zu ermöglichen. Das Rotieren der Belüftung wird zur mechanischen Begleitung einer elektrifizierten Vision.
Durch ein mit feinen Fäden durchsetztes Filigranglas des Doppelkastenfensters hindurch projiziert Szepanski ein anderes Dia auf den das Bild stoppenden und empfangenden Rollladen. Ein Teil des geworfenen Bildes schlägt auf die Metallrippen, eine andere Portion strukturiert eine einfache Karteikarte, die auf der zweiten Scheibe aufgeklebt ist:
„Durch schwarze Luftschichten, durch kühle Sphären zog feiner, dunkler Staub. Herr W. konnte ihn spüren."
Das Schwarz-Weiß-Bild lässt an einen Planeten denken. An unseren? An den Mond?
Ist diese Unterscheidung überhaupt wichtig? Hier und dort, jetzt und dann...
Eine in den Ausstellungsraum verfrachtete Parkbank gibt den Blick frei auf die Terrasse und die Bäume draußen. Über den Kopfhörer des Tonträgers wird das Hörstück zur Verlängerung der ruhenden Beine, „Geräusche aus dem Park, aus Herrn W.s akustischen Notizen“ übertönen das Gebläse der Projektoren von nebenan, verlängern nun artikuliert das dumpfe Signal.
Vor dem folgenden Fenster dialogisieren zwei installative Arrangements. Eine simpel und edel gefertigte Flachvitrine auf Holzböcken präsentiert in subtil-uneitler Machart die Exponate aus dem Nachlass des Herrn W., gerettete Zeugnisse menschlicher Passage...
Es sind Briefe der S. an Herrn W., mit Schreibmaschinen-Type auf Karteikarten gehämmert, kleine grafische Fotobücher und ein Filmband – die zweifach gerissene Spur einer Narration – in einer schwarzen Schachtel, auf deren Boden ein halber Mond aufleuchtet.
Mit einfachsten Mitteln der Präsentation und Archivierung, ganz so als hätte ein sensibler Buchhalter die Schreibwaren der Büroreserven geplündert, um in erster Not den Fundus der Menschlichkeit festzuhalten, gelingt es Szepanski höchst komplexe Zusammenhänge anzureißen, um sie dann als einen Vorschlag zum inneren Monolog und äußeren Dialog im Raum stehen zu lassen. Unter der Referenz „Dinge, die knisternd in den Park fielen“ verzeichnet die Künstlerin das andere Arrangement, das aus zwei aneinandergefügten schwarz lackierten Glasplatten auf einer schwarzen Eisenkonstruktion besteht. Die Oberfläche wird überzogen von kleinen Objekten, die sich im Farbguss zu einer Einheit mit dem Untergrund formieren. Ästchen, Kieselsteine, Beeren, Eicheln und Glasscherben leuchten im schwarzen Lack wie frische Farbanhäufungen auf einer Malerpalette.
In diesem Meisterstück konziser Formensprache resümiert Szepanski mit bildhauerischer Überzeugungskraft das Gesamtkonzept ihrer Haltung. Das Mittel zur Übersetzung ist das zu Beschreibende, das zu Evozierende selbst.
12/2009 - 01/2010