Neuland

Das ökonomische Prinzip, so erinnerte er sich an die fernen Stunden der Wirtschaftslehre, bedeutet, aus einem Satus quo das meiste zu machen, oder für einen ersehnten Zustand so wenig wie möglich zu leisten.
Aber auch, das wusste er noch, musste eine gegebene Menge Geld so oft es nur ging den Kreislauf von Kapital und Arbeit durchlaufen, um eine Volkswirtschaft florieren zu lassen.

Er hatte zuvor mit dem Arzt, dem Chirurgen, telefoniert, der mit ihm verwandt ist. Einige seiner neuesten Werke, allesamt Zeichnungen, hingen an den Wänden des Familienangehörigen. Nun hatte sich im Hospital ein Missgeschick ereignet, denn die Hand des Doktors war in einen Türspalt geraten und der linke Zeigefinger dadurch beinahe abgetrennt. So wurde der Dienstleister zum Kunden, und noch am Arbeitsplatz von Kollegen operiert. Selbst Hand an zu legen war nun erst einmal nicht mehr möglich. Den jüngsten Berichten jedoch zufolge soll das Handicap bald beseitigt sein. Es traf sich nun, dass die meisten der Werke auf Papier Hände abbildeten : einzelne Hände oder Handpaare, delikat gezeichnet oder mit appliziertem Bindfaden besetzt. Am Telefon hatte der Chirurg sich zu diesem Umstand geäussert und gesagt, er wolle neben einigen anderen Werken eine Handzeichnung erwerben, die eine vordere Extremität mit einem nahezu fehlenden Zeigefinger zeigt. Dies sei sein Schicksalsbild.

Cut.

Kürzlich war er zur Eröffnung einer Galerie für Fotografie gegangen. Die Kunstwelt der Hauptstadt wurde um eine Adresse reicher, und um eine gute. Dem Künstlerkreis, der sich, so wurde später klar, die Galeristin selbst gewählt hatte, gehörte auch die Freundin einer Freundin an. Der Raum voller Körper und Stimmen liess kaum einen Blick frei auf die Fotos, trotz der überwiegend beträchtlichen Dimensionen der Exponate. Doch gerade hier beginnt unser Fall bedeutsam zu werden. Denn das Werk, das ihn seither beschäftigt, hing an vorspringender Stelle, direkt an der Lateralwand zum Fenster. Zunächst hatte er es nicht einmal bemerkt, hatte nur fern eine Präsenz im linken Blickfeld wahrgenommen. Alles quirlte, Besucher drechselten sich um Besucher, redende Wände zur Kunst, begeistert am Neuen. Schritte zu allen Seiten klopften auf den Grund, Wein wurde gereicht im Straßencampermobil. Er rannte in ein Glas, Rot spritzte. Sonst war alles spotless.

Cut.

Noch immer stand er da. Das Taubengrau des Himmels öffnete die Wand. Vier Schnitte, herausgelöste Fetzen Mauerwerk, projizierte Seelenwanderschaft, Newark, 2002.
Mehr nicht an diesem Tag. Nur Sehnsucht.

Cut.

Stetig nagelten die Gesichte sich zurück in sein Tagesgeschehen. Eine Woche verstrich.

Cut.

Xylophonverdichtungen standen im Raum, schwangen, schwappten an die Wände, klatschten zurück, züngelten heiß zu Bildern aus der Gosse, die auf Fußleistenhöhe immer und immer wieder den Überdruss im Wasserbad fortspülten, video forever. Danach erneut Wein, dunkler Tropfen der Wahrheit, und des aufrechten Gangs.
Sie regieren das Tal, so das Motto. Aber wer verfocht die Anhöhe ?
Sein Blick traf die geliebten Wolken, fand den Weg zurück ins Hänsel-und-Gretel-Land, labte sich – so erhaben sein Gefühl – am Fortwähren des Bildes, der Empfindung. Alles war geblieben wie zuvor, nur stärker. Er wusste, wer der Autor war. Dunkle Locken aus der Ferne, heimisch geworden, stoisch aufrecht in den Fluten. 
Sie sprachen miteinander, leerten das Glas. Er erfuhr vom Tatort, vom Drehort, von der location. Nun wusste er weniger als er spürte, aber spürte mehr denn je. Es war das Anderswo des anderen. War das in die Weite verfrachtete Exil des Exilanten. New York, Newark. Matrix seines eigenen Schauens, et pourtant
Vier sukzessive Bestandaufnahmen von dem, was beiderseits der Transparenzschwelle im Raum steht. Selten war Himmel so entfernt alles Banalen. East-coast-Himmel aus dem Greyhound-Liner. Wer jagdt, gewinnt.

Cut.

Neue Festplatte.

Er lernte, jedem Ding wieder Bedeutung zu geben, Zeit nach vorne zu öffnen. In den vier Rechtecken hatte seine Aufmerksamkeit Halt. Alle Linien bündelten sich hierin. Er wurde selbst zum gläsernen Strahl, zentriert.
Wann besitzt man ein Werk ? Der Schein, den man dafür hergibt, ist der Tauschwert für das Ticket zum Dableiben.
Ein Werk ist ein anderer Ort, der das Verweilen hier erst möglich macht.
Noch am Tag des Kaufes, als er sich bereits entschieden hatte und dennoch unschlüssig war, ängstlich war, stand auf seinem Weg - ihm im Weg - das Werbeschild für einen Flug nach New York.
Bild oder Leben ?! Bild und Leben. Aber ein Leben, in dem das Werk die Wanderschaft bestreitet. Für nichts in der Welt hätte er den Flieger haben wollen, The Home Is The World. Er nahm das Geld des Schicksalfingers und gab es weiter, baute am Sinn. Von einem Werk zum nächsten, ohne Umwege. Das blaugraue Gestüm auf C-Print, ein sea change ohne Kerosin.

Cut.

Er bat um den fünften Abzug der Serie, cinq sur cinq.

Cut and go.

Noch liegen die Flächen gekippt im grauen Karton. Von seinem Arbeitstisch aus will er vier neue Fenster öffnen können. Deutsche Rauhfaser aber hindert ihn am Ausblick. Es bleibt nur die Putzwand im Korridor.

Cut.

Nun hängt das Quartett im Durchgangsort an krummer Wand, und will doch fluide sein. Der Geruch von Chemikalien und Packplastik schirmt es noch ab. Sobald der Dunst gelöst ist, wird es wieder sprechen.
Kleine Bilder, wie jeder Reisende sie macht; aber nur das Format gleicht, das ist ihre Größe. In der zelebrierten Miniatur pocht wie im Ei die Potenz zur Entfaltung. Dunkel sind sie, diese Farben, aber nichts ist düster. Hochleitungsmasten und verdrahtete Welten jenseits der Bildränder; auf einem Rechteck die vier Schornsteine der Titanic, unsinkbares Koloss eines power plant, tief verankert unterm Horizont.
Daneben Eisenbahnfährten, eine Brücke, Staub. Der Vagabund zieht daran vorüber, getragen auf anderen Spuren, sein Objektiv : die Welt.
Draußen und innen.
Am äußersten Rand glüht ein Licht auf, kleine Nadel aus Gelb, fast ein Kratzer. Eine einzige Glühbirne an kahler Decke? Ein erwärmter Raum in der Fabrik? Reflektion vielleicht eines anderen Feuers…Es brodelt und stampft, qualmt und dröhnt und schlägt um sich mit Energie.
Den Faden aufgreifen an diesem Ausschnitt, verknüpfen. In der eigenen Ruhe taumeln und dem Ende die Bewegung entgegen setzen.

Conformation.

02/2009

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