Manifest

Liebe Omi,                                                                                                                          Graz, 2003

nach so langer Zeit des Schweigens will ich dir nun doch auf all deine Fragen und Sorgen hin antworten.
Durch meine Entscheidung, meiner Existenz auf dem Wege der Kunst Form zu geben und Sinn darin zu finden, verfolgst du aus der Ferne seit Jahren diese kleine Welt, die man die Kunstwelt nennt. Ich danke dir für deine Präsenz, für deine unermüdliche Bereitschaft zuzuhören und mitzudenken.
Viele deiner Vorstellungen sind überworfen, mit anderen haderst du immer noch, genau wie ich. Auch du hast den Künstler immer als einen Einzelnen verstanden, nie das komplexe Sozialspiel gesehen, dass ihn umgibt, in dem er Schnittpunkt, aber nicht immer Mittelpunkt ist. Das mag von den romanesken Biografien, von der Verdichtung der Realität kommen. Wir alle tragen in uns das Bild vom Künstler, der eine historische Figur ist, unnahbar, fern von unserem täglichen Leben. Und weißt du, was ich daran seltsam finde? Auch wenn ich selbst der Künstler bin und mit anderen Künstlern mich umgebe, dieses Bild vom entrückten Mythos bleibt dennoch vor Augen.

Vor meinem Fenster treiben die Saatflocken von Bäumen wie Sommerschnee dem Himmel zu. Das Schaffen des Künstlers scheint mir wie dieses Flüstern. Er muss sich innerhalb seiner eigenen Zeit die Reifung jedes Werkes erlauben, bevor er es als Gegenstrom zu den anderen hinausschicken kann. Seine eigene Zeit ist nicht die Epoche in der er lebt. Seine eigene Zeit ist der Gleichklang von seinem Bedürfnis und dem Ausdruck, den er dazu findet; sie ist atmen ohne Rippenbruch.
Das Gefährliche an unserer Zeit – am Zeitalter – ist wie immer die Einengung der Freiheit. Es sind nicht die Auflagen oder Verbote, die dem Künstler das Freisein stehlen. Es ist der Raub der Zeit, das Wegstehlen seiner eigenen Zeit, die den Künstler arm machen. Der Triumph der Verwaltungsklasse hält alle Register der Menschlichkeit umklammert. Du kannst dir denken, wie stark die Kunst – durch die Beschneidung  des Künstlers - darunter leidet.
Sein zu erkennen fällt schwer. Sein zu erkennen, wenn man selbst nicht ist, scheint unmöglich. Die Zeit, die der Künstler verliert im Stolzieren vor den Inexistenten ist der Verlust seiner Freiheit.

Das wichtigste am Künstler ist sein Werk, darin schreibt er seine Manifeste. Und wenn sich der Künstler auch durch die Schrift äußert, dann ist das zu seiner Hilfe, nicht zu der anderer.
Kein Text eines Künstlers kann jemals die tatsächlichen, physischen Werke ersetzen. Alle Versuche, die eigene Arbeitsethik und die eigene intellektuelle Position zu definieren, sind vergeblich, wenn ihnen nicht die aus jedem Werk hervorgehenden, ihm innewohnenden und in ihm ausgedrückten Aussagen vorausgehen, und wenn sie nicht von diesen genährt und überschritten werden.

Für mich ist der Ausgangspunkt jedes Werkes ein Konzept des sinnlich Wahrnehmbaren. Stil ist die Form, die dieses Konzept annimmt. Es ist sinnlich wahrnehmbar, wenn seine Befragungen der überraschte Ausdruck einer Erfahrung sind. Meine Erfahrung ist die Erfahrung eines denkenden Körpers.

Du weißt, wie sehr mich der Intellekt reizt, in dem alles drehbar und diskutierbar bleibt, so wie es einem gefällt. Aber reelle Materie wird er nur dann, wenn er durch mehrere Menschen geht, wenn unserem ein anderer gegenüber steht und uns Widerstand leistet, uns vorm Irrgang schützt. Allein, für sich selbst, ist der Intellekt oder das abstrakte, nicht zur Dinglichkeit zurückführende Konzept, gefährlich und nutzlos.

Die Versuche der Kunst, sich neue Wege zu finden, waren zahlreich seit den 50er und 60er Jahren. Als du dabei warst, dir nach Jahren der Zerstörung und Entbehrung ein neues Haus zu bauen, arbeiteten die Künstler am Entkörperlichen der Kunst. Wie wesentlich sämtliche Bewegungen auch sein mochten, das einzige, was uns heute davon wichtig sein sollte, ist die Öffnung neuer Perspektiven, die Benutzung neuer Materialien, die Bereitschaft zu neuen Vorgehensweisen. Purer Formalismus hat immer die überzeugende Aussagekraft einer klar strukturierten Grammatikübung. Aber die Grammatik macht nicht die Sprache. Eine Sprache oder mehrere zu sprechen hat als solches keine Bedeutung. Bedeutung hat, was ich sage und wie ich es sage. In unserer Verfangenheit in unartikulierter Stummheit kann das Beherrschen einer Sprache bereits  Auslöser starker Emotionen sein. Aber die Menschheit und die Kunst haben Hunger auf mehr. Sie brauchen mehr als nur Information. Denn Information ist Oberflächenlutscherei.
Das Wissen um dieses Potential  kommt uns aus der  Kenntnis des Vergangenen und aus der Schaffenskraft, die einem sicher ist, wenn man in seiner eigenen Zeit lebt und handelt. Prozess-Kunst und nicht Produkt-Kunst ist so lange gut, wie sie sich nicht mit der Dokumentation ihres eigenen Daseins zufrieden gibt. Denn endlose Wände von Zettel-Ästhetik werden auch wieder zum Produkt. Wahrhaftig andere Wege zu finden, den Prozess zu privilegieren, das bleibt weiterhin eine Herausforderung.
Ich glaube aber auch, wie ich es dir bereits einmal gesagt habe, dass vieles von der heutigen Kunst mit Angst zu tun hat, mit der Angst vor dem Körper. Angst macht immer das Fremde und das all zu Bekannte. Aber Angst ist kein Barometer für Qualität.
Die Kunstwelt gibt Raum für faselige Konzepte. Aber kein schiefer Diskurs übersteht den Test der Körperlichkeit (Seele = Materie). Was uns wirklich bewegt, geht über die Sinne. Intelligenz ist Sinnlichkeit.
Welche Haltung auch immer der Künstler einnimmt: die unablässige Herausforderung der Konfrontation mit der Materie bleibt unabdingbar. Menschen sind Materie.

Der Künstler braucht Raum, Zeit und Geld, um das tun zu können, was er zu tun hat und was er nur dort tun kann, wo er es tut.

Niemand außer dem Künstler braucht die Kunst. Brauchen. Nicht gebrauchen. Nicht verbrauchen. Nicht missbrauchen. Allerdings:
Eine Gesellschaft benötigt für ihr kollektives Wohl ein Quantum an Nichtqualifizierbaren. Deren Ausdruck kann Kunst sein. Diesen zu lesen als eben jenes Zeugnis des Freibrechenmüssens und-könnens ist wichtiger, als daraus vergötterte Abbilder mit Marketingbefähigung und Freizeitwert zu machen.

Unsere Zeit verlangt stark nach Politischem. Politik als Konstrukt der Gemeinschaft, als eine Summe der Einzelheiten, die miteinander umgehen und austauschen, anstatt als isolierte Einsamkeiten anfällig zu werden gegen Sektiererei. Der Künstler kann hier seinen Teil zu sagen haben. Aber er darf weder Sprachrohr noch Illustrator fremder Ideen sein, noch darf er sich der Mode der Sozialarbeit verschreiben, die ihm in der Illusion eines reellen Impacts seiner Arbeit das Gefühl vermittelt, endlich nützlich zu sein. Sozial ist, was zwischen Menschen geschieht. Sozial ist nicht, was Parteipolitik an Asozialität geschaffen hat.

Politik als Flamme des Kunstschaffens verdeckt oder ersetzt das eigentliche Feuer der Kreativität. Man hat das ja oft gesehen, wie schnell ein Werk an Kraft und Berechtigung verliert, wenn der Künstler nicht mehr gegen eine Situation, z.B. einen Staat, ein Regime oder eine Partei mit seiner Arbeit angehen kann. Aber Kunstwerke als eine der möglichen Sprachen zur Politik sprechen zu lassen, sich als Künstler zu dem zu äußern, was uns alle im Öffentlichen angeht, ist ein Weg, Teile eines Werkgedankens zu formulieren und gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit der Gestaltung der Geschichtsschreibung zu betreiben. Es ist hier wichtig, den Unterschied zu machen zwischen dem Universellen des Belanges – das, was uns als Menschen bezeichnet: die Bipolarität von Natur und Kultur, unsere Zusammenleben, unsere Sexualitäten, unsere Sterblichkeit – und dem aus dem 18. Jahrhundert stammenden “Universellen“ des Ausdrucks, das lange im Alleinanspruch der Ausdruck des bürgerlichen Geschmacks und der Wertvorstellungen seiner Träger war, und es im dominanten Diskurs weiterhin bleibt, wenngleich auf subtilere und perverser Weise.

Macht liegt im Blick, nicht im Geschauten. Aber Macht ist die Ohnmacht der Bedeutungslosen.

Wenn der Begriff des Universellen in der Kunst noch Bedeutung hat, dann in diesem Sinne: in einer weitgliedrigen Bereitschaft jedes einzelnen, mit den vielgeschichteten Sichtweisen der anderen umzugehen. Es liegt beim Individuum selbst, - in einer Form, die weit über die „Zapping-Kultur“ hinausgehen muss, wenn sie konsistent sein will – fähig zu werden für die ganz eigene Synthese des Universellen. In diesem Hinblick ist unsere Epoche der Freizügigkeit des Einzelnen ein historisches Moment, in dem der Anspruch des Menschen auf Mündigkeit von jedem Verantwortung voraussetzt.

Kunstschaffen ist keine Variante der Dämmerstunden-Kreativität. Kunstschaffen bleibt ein Engagement des Lebens. Primär nicht als Künstler sich äußern (also nicht im kodifizierten Sozialspiel der Wertigkeiten), sondern als Mensch, der in einem bestimmten Bezug zur Welt mit eben dieser Welt umgeht.

Zuerst als Mensch zu bestehen ist die Voraussetzung für jedes Schaffen. Ästhetik ist keine Frage des Stils, eines möglichen Stils, den man im Katalog der Postmoderne wählt, um dennoch klassifizierbar zu bleiben. Ästhetik ist Sein, Ausdruck von Sein.

Der Zugang zur Dimension des Traumes geht über die Lebendigkeit. Traum nicht als Flucht. Traum als Ort der Gestaltannahme.

Meine liebe Omi, ich hoffe sehr, dass dich meine Grüße und Gedanken von hier noch eine Weile begleiten werden. Ich lege eine Arbeit bei, die ich kürzlich wieder gefunden habe und die zu dem passt, wovon ich hier spreche. Du wirst wissen, was es bedeutet.


Herzlich,

07/2003

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