Lichter Humanismus

Über das Arbeiten von Tim Deussen

Die Grenzen der eigenen Fähigkeiten kennen und akzeptieren zu lernen, zählt auch in der Kunst zu den Schlüsselmomenten, die Alterität zuzulassen. Den Blick auf das Erschaffene dann zu delegieren, die Kompetenz des Anderen zu suchen und zu schätzen, setzt das eigene Können mit Mitteln fort, die sich einem selbst sonst nicht eröffnen würden.

Nachdem ich den Menschen Tim Deussen im Sommer 1999 kennen gelernt hatte, bat ich dann den Fotografen Tim Deussen, meine Ausstellung Haus Deutschland zu dokumentieren.
In einem leerstehenden Haus der 1930er Jahre am Berliner Müggelsee hatte ich einige Wochen lang daran gearbeitet, intime, kollektive und unterbewusste Deutschlandrealitäten auszuloten und in einem Ensemble von gut zwanzig Installationen Form werden zu lassen. Tim Deussen tat mehr als dokumentieren. Er nahm Teil, er nahm Anteil am Gezeigten, befragte mich und hinterfragte das, was er sah, indem er die Perspektiven wechselte, sich von Großaufnahmen hinarbeitend zu Detailansichten, die plötzlich das zeigten, was er verstanden und als essenziell erachtet hatte, oder auch hin zu Überlagerungen, auf denen zwei Werke zueinander in Bezug gesetzt wurden.
Ich selbst lernte dabei, dass meine eigenen Grenzen eben nicht nur gewesen waren, keine „guten“ Bilder aufnehmen zu können – jede Automatik-Kamera liefert mittlerweile diese Form von „gut“ - sondern dass es hier ums Loslassen in einem vertrauensvollen Dialog ging, dass ich durch den anderen Blick, der zugleich fremd genug aber eben wohlwollend war, die Werke als solche kritisch-konstruktiver sehen, sie überprüfen konnte auf ihre Beständigkeit, ob sie denn die Intention transportierten, die ich ihnen zugrunde gelegt hatte. Es war also der Blick, das aktive Schauen von Tim Deussen, worauf ich zählen und bauen konnte.
In der Folge entstand eine Porträt-Serie, bei der sich schon damals zeigte, wie Tim Deussen umgeht mit seinem Gegenüber, seinem Motiv. Behutsam tastet er sich heran, fast scheint es, als geschehe nicht viel, doch folgt er von Anbeginn mit Intuition einer Intention. Das, was dann zu sehen ist, ist leise. Kein Diskurs, sondern Zeigen. Sein Arbeiten ist nie Spektakel und das, was er zeigt, nie offensichtlich spektakulär. Der zweite Blick erschließt erst oft die Tiefgründigkeit des Schauens, dann erst setzt sich die  Lebendigkeit des Bildes in Bewegung, fast so, als wolle das Gezeigte sich nur dem aufmerksamen Betrachter öffnen, jenem mit Zeit und Sinn für die Zwischentöne.

Diese Feinfühligkeit ist es auch, die in den Fotos der Serie aus Hohenschönhausen spürbar wird und die für den gesamten Arbeitsprozess notwendig war.
Tim Deussen las im Winter 2008/2009 das Buch Vernehmungsprotokolle des Schriftstellers Jürgen Fuchs. Fuchs hatte in den 1970er Jahren im Zentralgefängnis der Stasi knapp 9 Monate in Haft leben müssen, während dieser Zeit die Aussage verweigert, aber alle Vorgänge akribisch in seinem Gedächtnis abgespeichert. Vernehmungsprotokolle ist sozusagen eine Niederschrift des Memorisierten, die er direkt nach der Entlassung aus der Haft zu Papier brachte. Tim Deussen, bewegt und neugierig gemacht durch diese Lektüre, kontaktierte den Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, mit dem Interesse daran, am realen Ort inszenierte, sich auf das Buch beziehende Fotoaufnahmen zu realisieren. Aus dem ersten Treffen wurde eine Begegnung und Tim Deussen erhielt den Auftrag, diese Fotoserie zu schaffen für die Neuveröffentlichung des Buches von Jürgen Fuchs, zu dessen 10. Todestag.
Im Buch selbst erscheinen die Fotos in schwarzweiß und es sind vor allem Bilder mit starken Kontrasten und mit Bewegungsunschärfe, auf denen die menschliche Silhouette dominiert oder Details von Gesten für sich sprechen. Diese Bilder sollen, so Tim Deussen, „eine Atmosphäre bilden, die den intensiven Text von Jürgen Fuchs nicht stören, sondern einen zweiten subjektiven Blick auf das Beschriebene bieten.“
Diese Diskretion tut dem Buch als Ganzem sehr gut. Jedoch sollten wir uns alle freuen können, wenn die komplette Serie der Fotos in Farbe, in Großformat und in einer eigenständigen Ausstellung zu sehen sein wird. Denn betrachtet man diese Bilder, so wird augenblicklich klar, welch eigenständige Stärke sie besitzen, wie souverän und delikat sie Momente inszenieren, die ohnehin nicht mehr eingefangen werden können und sollen, die jedoch in dieser Weise dargestellt und evoziert etwas zu vermitteln vermögen von diesem einzigartigen und doch exemplarischen Menschenschicksal, ja, Menschheitsschicksal. Schließlich wird hier im Reenactment der Szenen das Erleben in Parallele gesetzt zu dem, was reell vorort an Menschenwürde und Menschenunwürde verhandelt worden ist.

In einem Artikel über den Gebrauch von Schwarzweiß oder Farbe beschreibt der Filmemacher Edgar Reitz, Autor der epochalen HEIMAT-Trilogie, die Besonderheiten von schwarzweißem und farbigem Bild. Das in nur zwei Nuancen kontrastierende Schwarzweißbild abstrahiert die Realität, weshalb die Reproduktionen in der Neuauflage von Vernehmungsprotokolle ihre Richtigkeit und Stärke haben, denn sie stehen im Dialog mit dem Text. Alleine genommen aber brechen Tim Deussens Bilder gerade in Farbe in die im Ort Hohenschönhausen verhaftete Realität ein. Die Farbe und die Subtilität ihrer Nuancen im Bild machen diese Realität mittelbar.
Edgar Reitz notiert: „Wir wissen, dass alles seine eigene Farbe besitzt, dass Farben den Dingen 'zu Eigen' sind. Die Gegenstände eines Farbbildes verweisen immer auf ihre Existenz außerhalb des Bildes.“

Zur Realisierung dieser Bilderfolge im ehemaligen Stasi-Gefängnis war eine Logistik notwendig, die in reduzierter Größe durchaus Gemeinsamkeiten mit einer Filmproduktion aufzeigt, so wie die Fotos im Resultat auch gelesen werden können als eine Abfolge von Film Stills, aber eines Streifens, den es so nie gegeben hat. Damit ist das Buch Vernehmungsprotokolle zu einer Art Drehbuch geworden für einen Film, den es nicht gibt. Die Fotos von Tim Deussen sind somit neu fabrizierte archäologische Reste eines verschollenen Etwas, die sichtbar machen, was vielleicht gerade nur im Fragment die Chance bekommt, begreiflich und greifbar zu werden. Doch die Grundlage bleibt immer der Text und seine Autorität.
Sehr exemplarisch für die Dimension des Tragischen ist jenes Foto, das aus Sicht des Gefangenen ein weißes Tablett zeigt, einen Fressnapf sozusagen, leer geputzt und nur noch von Essensresten überzogen, die wie Schleifspuren eines Unfalls übrig bleiben. Zwei anonyme Hände, die mit dem Rest des verborgenen Körpers in einer Uniform stecken, halten das Tablett an der Durchreiche in der Zellentür. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man im Kreisrund darüber, hinter dem Spion, ein Auge. Die Franzosen nennen dieses Guckloch auch Judas. Wahrscheinlich ist der Mensch, der hinter der Tür steht, also der Mensch, „der hinter all dem steht“, beides: Verräter und zyklopischer Dämon. Aber eben auch Mensch. Im wörtlichsten Sinne ein Handlanger, aber niemand, der die Hand reicht.
Die Hand, die einen nährt, beißt man nicht, sagt das Sprichwort. Diese Komplexität vom Bewusstsein des Inhaftierten ob der eigenen Abhängigkeit, von der Unzulänglichkeit der Menschheit, vom Dennoch-Menschsein, von Ungerechtigkeit, Revolte und Schmerz, aber auch von der Notwendigkeit, über alles dies Zeugnis ablegen zu müssen, durchdringt das Buch von Jürgen Fuchs. Und diese Komplexität steckt in den Bildern von Tim Deussen, in allen gemeinsam und in einigen sogar in Alleinvertretung.

Das kürzlich auch in deutscher Übersetzung erschienene Pamphlet-Büchlein des in Berlin geborenen französischen Denkers und Diplomaten Stéphane Hessel, Empört euch, endet mit den Worten:

Schöpfen bedeutet Widerstand leisten.
Widerstand leisten bedeutet Schöpfen.“

Er wendet sich dabei an jene, wie er sagt, die das 21. Jahrhundert machen werden!
Es ist ein vorwärts gewandtes Bewusstsein. Es soll keine Hierarchien geben müssen zwischen Epochen, Haltungen und persönlichen wie auch kollektiven Erfahrungen.
Sondern Dialog über vergangene, bestehende und noch kommende Grenzen hinweg.
Werke sind dabei Botschafter. Bücher, Fotos, Filme...
So auch die Bilder von Tim Deussen, der grenzübergreifend denkt, fühlt und schaut, der seine Fotografie nicht einer markt- oder diskursideologischen Einengung unterwirft, sondern sie wie einen Stift behandelt zum Aufzeichnen der Lagen, in die das Leben einen versetzten kann. Ob Werbe-, Kunst- oder Eventfotografie, ob poetische Abstraktion, politische Interpretation oder dokumentarischer Realismus: Immer ist es der ganze Mensch und Fotograf Tim Deussen, der handelt. Alles nährt jedes einzelne Bild. So sind auch die geografischen und kulturellen Welten, in denen Tim Deussen sich bewegt, breit
und weit gespannt. Nach einem Studium in New York kehrt er nach Europa zurück, lebt bald in Berlin und steht auch dort in regem Austausch mit Menschen von anderswo. So bringen ihn Arbeitsaufenthalte und Ausstellungsbeteiligungen in den Balkan, nach Israel und nach China. An allen Orten entstehen neue Kontakte, werden Begegnungen zu Freundschaften, zu neuen Fotos, zu einer Bilderwelt, die stetig wächst und zu einer Schatztruhe von ineinander geschlungenen Referenzen anwächst. Immer offen, immer mit dem Bewusstsein um ein Hinter-den-Bildern.

Eine Fotografie ist ein Lichtbild. Um aber auch Lichtblick zu sein, bedarf es eben des besonderen Blickes, der, wie auch immer er geartet ist, ein liebender Blick auf die Welt sein muss. Bei Tim Deussen ist es immer die Liebe zum Menschen, die hinter allen Formen atmet. Es ist ein lichter Humanismus.

02/2011

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