Hintertür links, dann immer geradeaus

zu Helen Acostas Einzelausstellung KAUM ZU GLAUBEN
Schillerpalais, Berlin, 8. - 29. Juli 2010

  Als Helen Acosta 2007 die multiple Skulptur Segnungsmaschine entwarf und dem Publikum der Kestnergesellschaft in Hannover vorstellte, war ihr vielleicht noch nicht klar, wie sehr dieses Werk zum Erkennungsmerkmal ihres Arbeitens werden würde. Denn für die meisten Skulpturen der Künstlerin, die auf den Kanaren groß geworden und seit langen Jahren in Deutschland ansässig ist, gilt ein einprägsames Diktum: Ihre Dinglichkeit erwächst aus ihrer Dringlichkeit.

  Der kanarische Brauch, den fortziehenden Gast oder einen lieben Menschen der Familie auf der Türschwelle für seinen Weg zu segnen, war in Deutschland für die Künstlerin selbst nicht mehr praktizierbar. Aus diesem Manko heraus staute sich über die Jahre die Notwendigkeit zur Abhilfe auf, die dann in der automatisierten Form der Segnungsmaschine Gestalt annahm. Ein Laserstrahl, der durch eine kreuzförmige Öffnung im schlicht und nobel-effizient gebauten Holzkasten durchstrahlt, segnet die Stirn des Betrachters, der somit zum Benutzer des Segnungsangebotes wird und die Werkidee vervollkommnet.

  Es gelingt Helen Acosta immer wieder, besonders in ihrer plastischen Arbeit, die Dreieinigkeit zu erzielen, die vonnöten ist, damit ein Kunstwerk „funktioniert“, damit es sofort - auf den ersten Blick - aber auch nachhaltig wirkt, begeistert, überzeugt, kurz: bereichert. Es ist das Dreigestirn  einer Idee, einer Geste und einer Form. Wenn diese drei ohne schmückendes Erzählwerk oder dazugepfropftes Beiwerk auskommen, dann stimmt alles. So auch in der neuesten Realisierung, Amnesia. In einem mit Wasser gefüllten Acrylglaszylinder, der auf einem ihn verlängernden Massivsockel steht, strahlt ein Kronleuchter mit Glühlampen und lässt die schwerelos erscheinenden Behänge aus Glaskugeln umher funkeln. Das Widersprüchliche von Flüssigkeit und Elektrizität,
die Tatsache, dass es leuchtet, ohne gefährlich zu werden, fasziniert. Es ist, um mit dem Titel der Ausstellung zu sprechen, kaum zu glauben. Indem die Künstlerin uns in der Formvollendung ihr beherrschtes Wissen über das Physische vermittelt, gewährt sie uns den Freiraum zur Befragung dessen, was sich dahinter, was sich darüber befindet. Der Verlust der Erinnerung ist vielleicht nicht nur schmerzliche Abwesenheit, sondern auch der Gewinn eines Weges. Der Weg, zu suchen nach dem, was jetzt ist, was zuvor war, nach einem Inhalt, der zuvor auch da, nicht aber bewusst gewesen ist.
 
  Nancy Houston beschreibt in ihrem Roman Engelsmal (im frz. Original L'empreinte de l'ange)
die Geschichte aus dem jüdischen Brauchtum, in der erklärt wird wie das Grübchen, das wir alle zwischen Nasenlöchern und Oberlippe tragen, durch das Auflegen eines Engelsfingers entsteht.
Das Neugeborene, das bereits alles weiß, das von jenseits der anderen Scheidewand der Existenz alles hinübergebracht hat ins helle Leben, will losschreien und alles ausplaudern. Der Engel legt ihm den Finger auf den Mund und hindert es daran. So vergisst das Kind wieder alles, es ist rein und unschuldig. Und muss dann ein Leben lang wieder lernen, worum es doch schon wusste.
Bei Helen Acostas Amnesia ragt die gesamte Zylinder-Leuchtskulptur wie ein Index in die Höhe; nicht nur Zeigefinger, auch Register und Indiz. Wie ein Gehirn in seinem Wasser schwebt der Leuchter im Erinnerungsbecken. Zu den Glaskugeln, die eine jede wie Kristalle die verloren gegangene Erinnerung symbolisiert und gleichzeitig in sich einschließt, gesellen sich kleine Luftbläschen, die von konkretem Leben zeugen und in ihrer Heraufbeschwörung unterseeischer Wracks die Dimension der Zeit und ihrer Dauer vergegenwärtigen. Das englische „remembering“ suggeriert die Erinnerung als das Zusammensetzen getrennter Gliedmaßen. Das Glasperlenspiel
von Helen Acosta wäre also das Verknüpfen der Potenzen, das all diese Stränge von Gewusstem und Vergessenem zueinander in Bezug setzt. Die Klunker klopfen am Bewusstsein an; sie fordern uns mehr ab als Flachbildschirme der Wahrnehmung. Tiefenschärfe ist ihr Zauberwort.
In der simplen, fast monolithischen Form der Skulptur öffnen sich Unebenheiten, kleine Kratzer
und Krater auf der Bedeutungsebene. Wessen sind wir verlustig geworden? Steckt Lust darin,
am Verlieren der Schärfe nach hinten? Belustigt gar das Hirnlose, das Kernlose, die amorphe Daseinsform? Bestimmt helfen uns die Perlkristalle, wieder Ordnung zu erlangen im belanglos Gewordenen. Ihre Strahlkraft schafft den ersten Schritt zur Rekonstitution unseres in trübes Fahrwasser geratenen Alter Ego.

  Ein ganz anderes Wässerchen sind Tränen, die fließen, wenn sie fließen müssen. Helen Acosta drückt sich – und uns – den Tränenfänger auf die Drüsen. Freude, Wind, Liebeskummer sind genauso Gründe fürs Vergießen der Augentropfen wie Wut, Rührung oder Schmerz, oder gar der beißende Saft der Zwiebel, der ja die anderen, noch nicht aufgeplatzten Tränenkugeln oft erst zum Kullern bringt. Auch in dieser Skulptur ist der Ansatz der eines konkreten Bedürfnisses und der Suche nach Abhilfe. Die sieben Glasblasen reihen sich auf dem Holzbord wie Gewürzgläser oder anderes Utensil für den täglichen Gebrauch. Auf jedem der Behälter steht eines der sieben Wörter eingraviert. Am oberen Ende befindet sich jeweils eine Glaskanüle, die sich ins Innere des Hohlkörpers windet. Die Künstlerin nennt diese Teile „Tränenrutschen“. Wenn man den offenen, schräg gearbeiteten Kanülengang ans Auge anlegt, so kann das Heulwasser je nach Anlass ins entsprechende Sammelbecken des Emotionsüberlaufs abfließen. Eine Art Aderlass in transparent.
So vermengen sich die Teile zu einem Ganzen, tragen durch das Sichtbarlassen dazu bei,
die Erinnerung an einzelne Momente zu gewähren, um mit der Summe der Erfahrungen im Hier
und Jetzt weiterleben zu können. Amnesie wird dabei verhindert!

  Kann aber auch das Unausweichliche verhindert werden? Hat die Kunst die Kraft, gegen das
Ende anzugehen? In einem Aufruf zu einem Ideenwettbewerb forderte Helen Acosta Kollegen und Menschen aus ihrem Umfeld auf, künstlerische Ideen einzureichen, die sich mit den Themen
Zeitreisen/Zeitmanipulation auseinandersetzen und Vorschläge für Zeitmaschinen liefern, um den Tod ihres Großvaters (Jahrgang 1912) zu verhindern. Die erfindungs- und variationsreichen, 
vor Empathie sprudelnden Lösungsansätze präsentiert die Künstlerin in einer Wand- und Bodeninstallation, zu der eine rückläufig sich voran bewegende Wanduhr gehört, wie auch ein fotografisches Porträt des Großvaters. Die Einreichungen, teils gerahmt, teils gepinnt, hängen anonym und durchdrungen von Abhilfversuchen der Enkelin selbst, auf einer historisierenden Blümchentapete in dezenten Weiß- und Silbertönen.  Der Großvater ist eingeweiht in diese Aktion und freut sich bereits darauf, die Ergebnisse in Fotos und Erzählungen kennen zu lernen. Diese Verlängerung, durch die Freude an der Teilnahme am Leben (die besser ist als die Anteilnahme
am Tod), ist ihm schon einmal gewiss! Die Verquickung von Kunst und Leben wird hier sehr augenscheinlich und tut gut. Gerade die Transmission, das Weitergeben von Werten, von Wissen, von Erfahrungen - was durch Erinnerung geschieht -, wird durch das Miteinander der Generationen gewährleistet. Die Überkreuzung dieser Bedeutungen wird spiegelbildlich sichtbar in einer Doppel-Einreichung der einstigen Zeichenlehrerin von Helen Acosta, die einen eigenen Entwurf nebst dem ihres Enkels an ihre ehemalige Studentin weiterreicht.

  Den Pulsschlag dessen, was unsere Existenz ausmacht, stetig zu fühlen, nicht abzulassen vom Händedruck und Augenzwinkern mit dem Gegenüber, das ist wohl die Kraft in der Haltung von Helen Acosta. Sie sublimiert und transzendiert in ihrer Kunst so etwas wie die Evidenz des Atmens, das Einfache, das scheinbar Banale, das, was wir, weil es uns so banal scheint, oft ins Belanglose verbannen. Es gibt nichts Belangloses, wenn die Kunst darauf einen reichen, bereichernden Lichtstrahl wirft und uns in der Blendung die Augen öffnen hilft. Denn nur wer sieht, weiß.
Denn nur wer weiß, kann sich erinnern. Denn nur wer sich erinnert, hat Zukunft.


07/2010

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