Flugzeugs
Unschuld, Vertrauen und Sehnsucht im Werk von Gaby TaplickThron ist ein Hochsitz, ein Holz gewordenes Streben nach dem Himmel, das mit den Füßen am Boden haften bleibt, mit dem Kopf aber durch die Decke stößt.
Es ist ein Landhausbett bei Großmuttern, bei der man - klein und unschuldig - in der Wohnstube weit über dem Boden schwebt, im zur Nachtstatt gewordenen Tagesbett der Kälte des Bodens entronnen, und eingemummelt unter dicken Daunenfedern dem Himmel zufährt, ganz wie der Kleine Häwelmann von Theodor Storm auf seiner Fahrt über den Mondstrahl.
Gezimmert aus Furnierholzplatten umschreiben diese Flächen einen Kasten. Seitlich öffnet sich eine Tür, so niedrig, dass wir uns alle zurückbücken müssen auf Kindesaugenhöhe, um uns hineinzuwinden in den Unterbau, der hier zur Geruchserfahrung wird, kohärent anknüpfend an die Großmutterwelt. Denn einem ist, als öffne man die Tür zur Vorratskammer, in der auf dem obersten Bord die ersehnte Blechdose mit den Keksen steht. Auch hier ein Streben nach oben, dem Verbotenen zu, ein Hinwachsen zu dem, was uns verheißungsvoll bestimmt ist, doch immer für ein Später, auf das wir nicht mehr warten wollen. Dominieren und beherrschen werden hier Vokablen, die ihre ganz konkrete, erste Bedeutung entfalten und nicht von missbräuchlicher Gewalt sprechen. Nein, es ist das Dominieren der Perspektive und das Beherrschen der eigenen Mittel, der eigenen Sprache, das lustvolle Jubilieren über die Fähigkeit, sich zu entfalten und zu wachsen. In Gaby Taplicks Thron verhilft uns eine beinahe vertikal stehende Hühnerleiter unter Einsatz unserer Neugierde, unseres Wagemuts und auch körperlichen Vermögens auf den Gipfel des Überblicks.
Unten erstreckt sich die Weite des Feldes, auf dem Rosa 20 09 gelandet ist – oder steht es da bereit zum Abflug? -, gesäumt von anderen Luftvisionen - nie Luftschlösser, sondern traumleichte Gravitationsbekämpfer, ganz konkrete Gebilde, abhebend und nicht abgehoben.
Die Wandinstallation gute Reise ist eine geordnete Ansammlung linierter, vergilbter Karteikarten, die eine jede beklebt ist mit einer Briefmarke. Was die Karten verbindet, ist ihre identische Gestaltung, nur die Marke differiert von Blatt zu Blatt. Jede dieser Briefmarken, dieser populärsten aller Volksikonen, hat mit dem Fliegen zu tun, aus welchem Land auch immer sie stammt. Jede Marke zeigt ein „Flugzeugs“: von Luftschiffen und frühen Montgolfièren zu Propellerfliegern und fantastischen Heißluftballons. Eine Reise um die Welt, doch nicht in 80 Tagen, sondern auf 68 Marken!
Am Boden davor, ein Stapel anderer Karten, die wie ein Block Schichtholz einen haptisch verführerischen Flugapparat tragen. Ein Propellergebilde aus einem doppelten Kunststofflöffel in transparentem Orange - als sei dieser an einem brennenden Sommertag dem Eiskaffeeglas entflogen – steckt in einem goldenen Etwas. Das entfremdete Putzutensil wird zur technologisch aufgeladenen Hochlesitungsbatterie und saugt mit seinen schillernden Waben förmlich das umgebende Licht in sich auf, allzeit bereit abzuheben.
Die Arbeiten von Gaby Taplick haben die herzliche Intelligenz eines „Kleinen Prinzen“, so wie Saint-Exupéry ihn skizziert und durch so viel Weglassen charakterisiert hat. Es könnte fast einfach sein, ist es auch, aber nie simplistisch.
Vielmehr zeichnet die Werke aus, dass sie auf leisen Sohlen daherkommen, sich vor uns niederlassen und dann auf unsere Verfügbarkeit zählen. Mögen wir das Hetzen unterbrechen, uns einlassen auf die Ruhe und die wenigen wichtigen Belange unseres Hierseins, so wie es der kultischen Figur der Weltliteratur das dringlichste Anliegen ist, dass der Erzähler ihm ein Schaf zeichnet.
In den Wandarbeiten das sternall ist fast völlig durchsichtig verschmelzen zeichnerische Ansätze, Collage und Relief nicht nur formell, nein, vielmehr entstehen hier kleinste Universen, die sich irgendwo zwischen Himmel und Erde ansiedeln und in ihrer Reduktion die weitläufigeren Skulpturen ergänzen und spiegeln. Zwei daraus sollen als Beispiel für die anderen stehen. Im kleinsten „Blatt“, das ausschaut wie eine Metallplatte in der Größe einer halben Postkarte, wölben sich Luftblasen der silbrig-grauen Folie auf Karton und modellieren eine klassische Landschaft mit Bergen am See, Wolken am Horizont und dem Spiegelbild auf der Wasseroberfläche. Hineingetupft, güldene Sprenkel wie Sternenschein in der Silbernacht.
Die andere Arbeit, diese nun ein reelles Blatt aus sonnengelbem Kristallpapier, trägt drei klar umrissene Sihouetten, einen kleinen Kreis und zwei identsiche Formen. Sind es Luftschiffe am Tropenhimmel kurz vor dem Flug vorbei an einem Planeten? Ist es ein Delphinenpaar im Sturz nach oben durch das Wasser, den Spielball zu fangen oder den guten Happen zu schlucken?
Es ist immer die explizite Andeutung, dem Anwerfen eines Propellers gleich, die Gaby Taplick uns anbietet. Fliegen und den Motor nähren, das müssen wir schon selbst. So öffnen sich hinter dem Angehauchten implizite Erzählwelten, die in ihrer Fülle und begeisterten Beglückung Platz für jeden von uns lassen, uns in eigene Windungen des Entzücktseins zurückzuspulen, uns zu erinnern an Initiationsmomente unseres Heranwachsens, und uns immer wieder gerne zu beleuchten, wie wir es denn heute halten mit dem direkten Zugang zur Welt, ihren Dingen, ihren Erfahrungen.
In den Flugapparaten wird pure Imagination zu purer Form. Gebrauchsobjekte des täglichen Lebens werden halbiert, seziert und neu assoziiert, um zu Traumgespinsten anzuwachsen, die den Erfindungen aus da Vincis Skizzenbüchern entflattert scheinen.
Die größte und auch prominent platzierte Skulptur ist Rosa 20 09. Dieser zärtliche, blumige Name steht für ein Gebilde, das auf den ersten Blick den Anschein eines tollpatschig fehlgeschlagenen Flugversuchs vermittelt. Anrührend steht das Volumen mit Schlagseite im Raum und streckt, etwas schlaff und Fühlern gleich, seine Propellerblätter aus. Flachen Schaufeln ähnlich sieht man sie imaginär die Luft durchpflügen. Das aus Kartonnagen, Latten und alten Fußleisten zusammengeschraubte Ganze ist kein unbekanntes Flugobjekt, sondern ein Traumbarometer. Zur einen Seite steht neben einer kleinen Luke eine Taschenlampe. Die Künstlerin lädt uns ein, hineinzuschauen, nicht aber voyeuristisch, sondern uns auch hier auf die Kniee bittend, um die Kinderperspektive einzunehmen. Behutsam führt Gaby Taplick, die natürlich ihren erleuchtenden Blick an die Taschenlampe delegiert hat, unser Schauen Stück für Stück entlang am Lampenstrahl hin zu den beseelten Flächen im Inneren der Rosa... Dort leuchtet dieser kleine Strahl wie die Auswahl unseres Bewusstseins durch dunkle Gefilde und deckt immer nur soviel auf, wie wir mit unserem Staunen gerade fassen können. Ein Büschel getrockneten Gewächses steht am Raumschiffboden, gebündeltes Zündholz, Mohnkapseln in der Raumkapsel; die gewölbte Decke ist übersät mit schwarzen Flecken, Tupfen, die auch von Goldregen durchsetzt sind. Auf einer der Rundflächen, ganz unverhofft, die Figur eines Engels. Die Formen und Materialien sind unprätentiös und unscheinbar. In der Intention aber und in der Intensität steckt die Flammkraft, so etwas wie Liebe für den Moment zu entfachen – und auch für das eigene Atmen und Lächeln.
Im Grunde fragt man sich gar nicht, was das alles soll: Man nimmt es so, wie es ist und spürt, dass es auch so sein muss. Es ist wie bei einem Neugeborenen, das man ja gar nicht wiedererkennen kann (im Französischen ist reconnaître das Wort sowohl fürs Wiedererkennen als auch für das Anerkennen, z.B. durch einen Vater oder eine Mutter). Es gilt einzig, das Neue zu begrüßen in seiner ganz eigenen Form der Existenz, eben als etwas, das vorher nicht war und jetzt ist.
Es ist alles ganz einfach. Oder beinahe.
12/2010
Die besprochenen Werke waren Teil der Ausstellung das sternall ist fast völlig durchsichtig.
Schillerpalais, Berlin-Neukölln, Dezember 2010