Feierabend
Schlewerberg klappte die Tür hinter sich zu. In einer halben Stunde musste er beim Arzt sein, er würde es kaum schaffen. Seit dem Infarkt im letzten Herbst ging er regelmäßig zur Kontrolle. Man konnte nie wissen, und schließlich wollten die ihn ja sehen.Mit einer barschen Drehung kratzte der Schlüssel im Schloss, dann war Schlewerberg schon auf den Stufen. Sie hatten ihm gesagt, er solle sich schonen. Sie hatten ihm gesagt, er solle Treppen steigen, langsam, aber Treppen steigen. Wechselnd von einem Bein zum anderen ließ er sein Gewicht - 105 Kilos waren es letzte Woche - vornüberfallen und vertraute der Schwerkraft. Für den Briefkasten war jetzt keine Zeit mehr. Er öffnete die Glastür und trat hinaus. Der Wagen parkte nicht weit. Er lief um die Blumenbeete, an den Mülltonnen vorbei und sah über den Spitzen der Thuyasträucher das blaue Metall leuchten. Er fuhr dieselbe Marke wie sein Vater, seit dreiundvierzig Jahren. Unfallfrei! Außer dem aufgerissenen Bodenschutz auf dem schneebedeckten Weg. Aber das war nicht seine Schuld gewesen.
Stolz näherte er sich dem Auto, sperrte auf, setzte sich hinters Steuer und startete den Motor. Der Weg zum Arzt führte ihn durch die Ortschaft, über hügelige Landstraßen und Dörfer hin in die Stadt. Es war Markt und er hatte Mühe, sich durch die Gassen zu schleusen. Er hielt etwas abseits, verriegelte den Wagen, schlug die Richtung zur Praxis ein und drehte sich noch einmal um, sicher war sicher.
Schlewerberg läutete. Die Räume lagen im dritten Stock. Er wartete, bis der Aufzug kam. Nur keine Anstrengung jetzt, das EKG war immer das erste und Dr. Neuber meistens pünktlich. Die Gleittür rastete ein, er fuhr nach oben. Lächelnd begrüßte ihn die Sprechstundenhilfe. Unmögliche Hackenschuhe... und ein so rot angeschmierter Mund, dachte er und setzte sich ins Wartezimmer. Was für eine Hitze! Er lüftete das Hemd über der Brust, hielt den Handrücken in die Flanke gestemmt und saß mit weit gespreizten Beinen auf der Stuhlkante. Sein Hausarzt erschien.
- Jah, Herr Schlewerberg, dann wollen wir mal...
Schlewerberg drückte die feuchte Hand und folgte ins Zimmer.
- Und, macht die Diät Fortschritte?
- Och, wenn Sie so wollen. Man braucht ja nicht jeden Tag Soße zum Fleisch...
- Hmhm, Alkohol?
- Joh, schon, bei der Affenhitze! ‘n Bierchen oder zwei, zum Durstlöschen.
- Dann strecken Sie sich mal lang.
Der Arzt nahm den Blutdruck, legte die Saugglocken an die Haut und bediente allerlei Knöpfe. Er maulte etwas zu den Werten, schien aber im Ganzen recht befriedigt.
- Und, Herr Doktor, wie sieht’s aus? Sind Sie zufrieden mit Ihrem Patienten?
- Nun, ein bißchen Last muss schon noch weg. Sie wissen ja, was sonst auf Sie wartet...
- Wegen so ‘n paar Gramm!
- Ich verschreib' Ihnen nochmal... und er blätterte zwei Seiten weiter im dicken Handbuch, nochmal... von den blutdrucksenkenden Tabletten, die Sie vor einem Monat schon hatten, die ja gleichzeitig auch den Hunger eindämmen.
- Ach die...
- Dreimal täglich vor den Mahlzeiten, nicht wahr?
- Schon gut, Herr Doktor.
- Sonst noch was?
Schlewerberg zögerte, wusste nicht, ob er den Arzt jetzt doch fragen sollte. Wohl fühlte er sich nicht dabei, immerhin war er über sechzig.
- Ja, wie soll ich sagen... Wie gut, oder eher, wie nicht gut isses denn für mein Herz, wenn ich, ich mein', wie oft kann ich denn... Also...
- Sie meinen Verkehr...
Schlewerberg nickte.
- Sie sollten Ihr Herz schonen, keine zu großen Anstrengungen, immer schön langsam. Und vorallem keine Aufregung. Alles zu seiner Zeit.
- Aber Herr Doktor, meine Bekannte sagt...
- Vorallem keine Aufregung, Herr Schlewerberg. Wir sehen uns dann in vierzehn Tagen wieder.
- Danke, Herr Doktor... Wiedersehen.
Mit diesen Worten stand er erneut im Wartesaal. Am Empfang regelte er den Papierkram, verabschiedete sich von Lippenstift und Stöckelschuh und fuhr hinunter zur Straße.
Keine Aufregung, vorallem keine Aufregung, sprach er sich zu. Der hatte gut reden, immer das Gleiche mit den Weißkitteln. Grünschnabel, sollte erst mal in sein Alter kommen!
Trotzig setzte er sich ans Steuer und fuhr zurück in den Ort. Er wollte noch zur Bank und dann einkaufen.
Als er um die Ecke kam, dort wo die Einbahnstraße auf den Marktplatz mündet, läuteten die Mittagsglocken der Johanniterkirche und im Supermarkt kurbelte die Postfrau am Laden ihres Stands. Er ließ das Auto in einer Seitengasse und lief die paar Schritte bis zu den Stufen des Bankgebäudes. Seit bald zwanzig Jahren hielt er sich sein Konto hier. Als sie damals die Wohnung gekauft hatten, war es dann doch noch so weit gekommen, dass er einwilligte und von der Sparkasse herwechselte. Nach der Versteigerung, als alles getrennt wurde von dem, was geblieben war, hatte er dasselbe Konto weitergeführt. Man hatte ja Prinzipien. Mit der Abfindung, sieben Jahre drauf, nachdem die Firma von den Franzosen aufgekauft worden war und die neuen Leute ihn kurz vorm Silberjubiläum aus der Bahn geworfen hatten, konnte er sich bei den Bankmenschen wieder sehen lassen.
Schleifend öffneten sich die Glastüren und Schlewerberg trat ein.
- Grüß Gott, die Herrschaften!
- Grüß Gott, antwortete die Schalterfrau, die vom Hinterzimmer vorgekommen war.
- Kennen Sie mich denn nicht mehr?
- Doch, doch, gut.
- Ah so, ich dacht' mir, dass man bei seiner Bank mit dem Namen begrüßt werden könnt'. Nach all den Jahren...
- ... was kann ich für Sie tun, Herr Schlewerburg?
- Berg!
- Bitte?
- Schlewerberg!
- Herr Schlewerberg!
- Ich möcht' 200 von meinem Geld mitnehmen.
- 200 Euro also, geht in Ordnung. Wie ist die Konto-Nummer, bitte?
- Was, die kennen Sie nicht! Sie haben mich doch schon oft bedient. Ich bin seit 19 Jahren Kunde, seit 19 Jahren und sieben Monaten! Was denken Sie wohl, mit wem seim Geld sie hier bezahlt werden?
Die Angestellte klickte herum, fand, was sie suchte und fragte:
- 255 73 73 000, ist das Ihre?
- Wenn’s da in der Kiste steht, wird’s wohl stimmen.
- Fünfziger oder Hunderter?
- Zwei Fünfziger und den Rest klein, ich geh ja gleich noch einkaufen.
- Zwanzig-vierzig-sechzig-achtzig-hundert-hundertfünfzig-zweihundert.
- Vielen Dank auch, wünsche noch 'nen schönen Nachmittag.
Woraufhin er ein verschlucktes "Ebenso, Ade" zu hören bekam. Dann stand er wieder in der Sonne. Blöde Zicke, so was! Was die sich alles erlauben können. Immerhin hatte er noch eine Geldanlage, Papiere und so, selbst wenn auf seinem Konto nicht mehr das einging wie früher. Er überquerte die Straße, lief an den Hauswänden entlang, schaute in die Auslagen des Schuhladens und trat ein in die Metzgerei.
- Grüß Gott, die Herrschaften, ach, Frau Dessel, Grüß Gott, wie geht’s?
- Ja Grüß Gott, Herr Schlewerberg, ‘s geht, und Ihnen?
- Na ja, die bei der Bank werden auch immer unverschämter, nichmal grüßen tun die mehr richtig.
- Ja, ja... Also, was darf’s sein?
- Sechs Richt'che im Lotto, wie immer, Sie wissen doch ...
- Ja...?
- Dann geben Sie mir mal ein Pfund Hackfleisch. Und dann noch zwei Stück von dem Schweinebauch... hmmhm, ja, schön saftig.
- Ist’s so recht, Herr Schlewerberg, schauen Sie mal?
- Och, legen Sie ruhig noch eins drauf. Runter kriegt man’s ja immer. Sagen Sie, haben Sie noch von der guten Blutwurst von letzter Woche?
- Sicher, ganz frisch. Ich hol' Ihnen ein Paar von hinten.
Die Metzgersfrau verschwand. Schlewerberg war allein im Laden. Er fasste zur Hose und kratzte sich lange im Schritt. Vor ihm lagen die Würste und Fleischteile, ganze Keulen, sogar ein halbes Spanferkel. Dazwischen Ziertomaten und Salatblätter, einige Tuben Senf und Töpfe Schmalz. Dann rauschte wieder die Tür.
- Sehen Sie mal, ist’s so recht?
- Ja, dann wär’s das.
- Das macht 17 Euro 40, bitte, Herr Schlewerberg.
- Und zwanzig, Frau Dessel.
- Und zwosechzig zurück, Herr Schlewerberg, ich dank recht schön.
- Wiedersehen!
- Auf Wiederschaun, Herr Schlewerberg!
Der Briefkasten leuchtete hell hervor. Zu dieser Stunde hatten alle Miteigentümer ihre Post geholt und nur in seinem Kasten steckte noch ein Batzen greller Werbeprospekte. Verfluchter Kram, schimpfte Schlewerberg, als er am Papier zog und zwei gräuliche Umschläge auf den Boden fielen. Die werden noch was erleben, das sag ich euch! Schreibt man klar und deutlich drauf KEINE WERBUNG! Rechtens ist das nicht, ganz und gar nicht. Wenn ihm beim Bücken nach den Rechnungen jetzt nämlich das Herz stehen bleibt, dann sind die dran, diese Heinis. Unglaublich.
Als die Würste in der Pfanne am Fett saugten, geschah es. Das Telefon läutete, Schlewerberg lief und verfing sich im Kabel. Mit einem Schlag streckte es ihn auf den abgetretenen Perser. Da lag er und fluchte und jammerte und krallte sich in die Seidenfäden. Der Prall auf die Nase ließ ein paar Tropfen Blut fließen. Das Telefon kreischte und in der Küche begann es zu riechen. Wenn nur die Elektroplatte nicht angedreht wäre! Wie schön, liegen zu bleiben. Wie gut, für nichts mehr einstehen zu müssen. Aber das ging nicht. Er musste sich aufraffen, wieder auf die Beine kommen, sonst verbrannte alles. Der Anrufer hatte es aufgegeben. Schlewerberg langte nach der Sofalehne und stemmte sich hoch. Doch unter seiner Hand rutschte die Häkeldecke. Noch auf den Knieen wankend glitt er zur Seite, stöhnte kurz auf und schlug dann mit dem Hinterkopf in Omas Vitrinenschrank.
Die Splitter übersäten den Teppich, heillos in den Fasern verhangen. Schlewerbergs Schädel schmerzte. Er tastete über seine Glatze und die wenigen Haare. Seine Fingerkuppen fühlten sich klebrig an. Aber der dröhnenede Stich kam wohl mehr vom Aufprall als von Schnittwunden. Mechanisch drehte er sich zur Seite, drückte den Bauch gegen den Boden und zog das linke Bein an, um sich erneut auf dem Knie abzustützen. Auf allen Vieren kroch er zum Badezimmer. Er angelte nach dem Duschkopf, konnte ihn aber nicht erreichen. Am Badewannenrand fand er Halt. Er hievte seinen Körper hoch. Er stand wieder. Vor den Augen wurde ihm dunkel, dann wieder hell. Er griff die Brause, drehte das warme Wasser an und senkte den Blick nach unten. Der Strahl rauschte über die roten Streifen und schwemmte sich roséfarben in den Abfluss.
Aus der Küche quoll Gestank von Verkohltem. Das Handtuch noch um den Kopf wickelnd wackelte Schlewerberg zur Bratpfanne.
Die Wurstreste wanderten in den Müll, die Pfanne landete im Spülbecken. Die Herdplatte glühte und knackte.
- Nichts geht mehr..., lallte es aus seinem Mund.
Aus dem Wandschrank holte er den Staubsauger hervor, den ihm seine Schwester zum Sechzigsten geschenkt hatte, steckte den Sicherheitsstecker in die Steckdose und drückte auf den Knopf.
Das Brummen war noch zu hören, als Schlewerberg die Tür hinter sich ins Schloss fallen ließ, die Treppe nach unten ging, die beiden grauen Umschläge in seinen Briefkasten zurücksteckte, den Motor seines Wagens startete, davonfuhr und nie mehr wiederkam.
07/2001